Interview mit Kurt Fuchs

Veröffentlicht von Sebastian Müller am

Fiktives Interview zwischen Sebastian Müller (SM) und Kurt Fuchs (KF) – ein Gastbeitrag von Kurt Fuchs

…plötzlich [gab es] nur noch diese saarländische Plörre in Schlarbe-Wirtschaft zu trinken […].

Kurt Fuchs

SM: Hallo, Kurt!

KF: Hallo, Sebastian!

SM: Der TUS Becherbach plant, endlich eine eigene Webseite einzurichten, um nachträglich eine Vereins-Chronik zu erstellen, da die früheren Vereinsvorstände keinen Wert daraufgelegt haben oder eine damals vorhandene Chronik nicht mehr auffindbar ist. Aus diesem Grund sucht der TUS Zeitzeugen, also frühere Spieler und Vereinsvorstände, die uns ein wenig über das Vereinsleben der 1970er Jahre berichten können.

Wärst Du unter Umständen bereit, ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern?

KF: I will do my very best!

SM: Okay, dann fangen wir an. Was mich interessieren würde, wie kamst Du eigentlich zum Fußball?

KF: Nun, das war kein Problem. Ich hatte ja nur wenige Meter durchs Unterdorf zum Sportplatz; entweder ging ich zu Fuß oder fuhr mit dem Auto.

SM: ?????????????????????????????????? Nein, Kurt! Ich meinte eigentlich, wann hast Du mit dem Fußballspielen begonnen? Hast Du auch schon in deiner frühesten Jugend gespielt?

KF: Oh, hier muss ich etwas weiter ausholen. Wie du weißt, liegen meine Wurzeln in Hennweiler, der kleinen Perle im Soonwald. Mein Vater war ein erfolgreicher Turner gewesen, der mit 45 Jahren noch die Riesenfelge am Reck darbot. Da in unserem Haus auch der Bruder meiner Mutter wohnte, der beim VfR Kirn in der ersten Mannschaft spielte und jeden Montag  zumindest eine Schleimbeutelentzündung, wenn nicht sogar einen Achillessehnenriss hatte, war Fußballspielen für mich gänzlich tabu.

SM: Also hast du in deiner Jugendzeit überhaupt keinen Fußball gespielt?

KF: JEIN! Natürlich wurde während meiner Grundschulzeit bei unserem Lehrer Peter Becker Fußballspielen befohlen. Das war aber oft recht ermüdend, da diese Spiele selten über die normale Spielzeit gingen und stets den ganzen Vormittag andauerten, und erst dann einen Abschluss fanden, wenn die Mannschaft gewonnen hatte, bei der unser Lehrer mitspielte.

Meistens dauerten solche Spiele 3 Stunden. Häufig waren wir froh, wenn ein Schüler den hochsommerlichen Temperaturen nicht gewachsen war und vorzeitig kollabierte.

Später, auf dem Gymnasium in Kirn, hatten wir den Norbert Einsiedler aus Hochstetten, der 65 Kilo wog, und ein begeisterter Turner war. Im Winter war knallhartes Circuit-Training und Geräteturnen angesagt, während im Sommer für die Bundesjugendspiele 75-Meter-Lauf und Weitsprung trainiert wurde.

Dieser Lehrer hatte mich sowieso auf dem Kicker, weil ich der einzige Schüler in der Klasse war, der nicht schwimmen konnte und zudem sportlich eine Doppelnull war. Lediglich beim Hallenhandball wusste ich zu glänzen. so dass meine Sportnote stets mit einem „ausreichend“ gewürdigt wurde.

Als 1966 Deutschland bei der WM in England Vizeweltmeister wurde, habe ich das Endspiel zusammen mit meinem bereits erwähnten Onkel Rudi bei uns zu Hause angeschaut, der damals vom VfR Kirn nach Hennweiler gewechselt war.

Um ihm mit meinen Fußballkenntnissen zu imponieren, hatte ich während des Endspiels Deutschland – England die Prognose gewagt, dass der Sieger des Spieles zwei Punkte bekäme.

Diese verbale Entgleisung hatte immerhin zur Folge, dass er mich danach an Sonntagen zu den Spielen des FC Victoria Hennweiler mitnahm, bei deren Reservemannschaft er als “ Linker Verteidiger „, stets mit einem Taschentuch in der Hand (um den Schweiß abzuwischen), spielte.

Hennweiler spielte damals immer in der A-Klasse Kreuznach und setzte für seine Anhänger und Spieler einen Bus der Fa. Jaki aus Schweinschied ein, so dass ich auch in den Genuss kam, mit 13 Jahren Auswärtsspiele in Schwarzerden, Sommerloch und bei der DJK Adler Bad Kreuznach besuchen zu können.

SM: Wenn ich mal kurz unterbrechen darf? Hast Du in Hennweiler auch die Jugendmannschaften durchlaufen?

KF: Dazu kam es leider nicht, weil ich verbotenerweise an einem Jugendtraining teilgenommen hatte, was meinem Vater zugetragen wurde. Da ich keine Fußballschuhe hatte, zog ich ein paar schwarze Halbschuhe meiner Oma an, die mit Stahlkappen versehen waren. Nach meinem “ Probetraining “ war ich zu faul, verräterische Erdklumpen an den Schuhen zu entfernen, so dass sich meine Oma über die verschmutzten Schuhe wunderte. Sofort wurden Mutmaßungen in meine Richtung angestellt, so dass schnell ein “ Schuldiger “ gefunden wurde.

SM: Was zur Folge hatte….

KF: …was zur Folge hatte, dass mir mein Vater unter Androhung körperlicher Gewalt das Fußballspielen im Verein untersagte und mich sofort beim Turnverein Hennweiler anmeldete.

Nun musste ich jeden Freitagabend in die Turnhalle zum Klaus Müller gehen, der als Turnwart fungierte.

SM: Wo du ein erfolgreicher Turner wurdest!?

KF: Natürlich merkte der Klaus Müller, dass ich überhaupt kein Talent für das Geräteturnen hatte. Außer einer Rolle vorwärts, einer meist verunglückten Flugrolle, gelang mir einmal mit Hilfestellung des Turnwartes ein Felgaufschwung, was mich noch heute mit Stolz erfüllt.

SM: Wie ging es dann weiter?

KF: Nach dem der Klaus Müller ein Einsehen hatte, erlaubte er mir, mich während der Turnstunden anderweitig zu beschäftigen.

SM: Was heißt „anderweitig“ zu beschäftigen?

KF: Nun, ich stellte mir zwei Hürden auf, die als Fußballtore dienten und spielte zwei Stunden ganz allein mit mir (und den seitlichen Umrandungen als Mitspieler) Fußball.

Ab 21:00 Uhr war dann die Turnstunde beendet und es wurde noch eine Stunde drangehängt, weil die Turner auch mal spielen wollten.

SM: Was habt ihr dann gespielt?

KF: Entweder Fußball oder eine Abart von Basketball, deren Spielregeln mit denen von Rugby identisch waren. Ohne Schrammen und zerfetzten Unterhemden ging es da nie ab.

SM: Wie ging es nun weiter?

KF: Am 24.01.1971 lernte ich in Hennweiler auf einer Tanzveranstaltung meine Frau kennen. Nachdem ich im März 1971 volljährig geworden war, zog ich zu Hause aus und stellte meine Zelte in Becherbach auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht geplant, jemals im Vereinsfußball mitzumischen.

SM: In welcher Klasse spielte der TUS Becherbach damals?

KF: Erst 1970 hatte Eckhard Reidenbach, der beim TuS Kirn Feld- und Hallenhandball spielte, den Dornröschenschlaf beim TuS Becherbach beendet, in dem er etliche Handballkameraden nach Becherbach brachte, die ab diesem Zeitpunkt auch die Fußballstiefel schnürten.

SM: Um welche Personen handelte es sich dabei?

KF: So weit ich mich erinnern kann, waren das die Handballer Hans-Werner Müller, Hans-Werner Hub, Heinz-Dieter Schroers, Erwin Holzhauser…

SM: Der Erwin Holzhauser von der gleichnamigen Fa. Holzhauser?

KF: Ja, genau der! Und der Hans-Werner Müller ist vielen von Euch noch als Sportlehrer aus Kirn bekannt. Dazu kamen noch ein paar Spieler des VfR Kirn, die ihren sportlichen Zenit überschritten hatten und in Becherbach „das Gnadenbrot“ bekamen.

SM: Um wen handelte es sich im Einzelnen?

KF: In erster Linie war das der legendäre Philipp Raab, der in Kirn beim Sägewerk Ludwig Kuntz sein Geld verdiente und aus Planig stammte. Dann darf man den Karl-Heinz Mensch nicht vergessen, der zwar klein von Gestalt, aber ein ganz großer Stürmer beim VfR Kirn gewesen war.

SM: Hatten wir keine einheimischen Spieler?

KF: Natürlich! Das waren alles junge Bürschlein, die zwischen 1950 und 1953 geboren wurden. Aus der Erinnerung versuche ich mich mal, den damaligen Kader aufzuzählen:

Im Tor spielte entweder der Eckhard Reidenbach (*1942) oder der Friedrich Dröscher (*1946). In der Abwehr spielten mein Schwager, Manfred Heinisch (*1951), Bernhard Schneberger (*1950) und sein Bruder Winfried, der wohl 1947 geboren wurde. Hinzu kamen Gerhard Barth (*1951), Peter Merkel (*1951), Manfred Baus (*1952), Karl-Heinz Regitz (*1953), Lothar Barth (*1952) und die Gebrüder Selzer, die als Zwillinge 1953 geboren wurden.

Diese Klassemannschaft unterlag 1971 in einem Entscheidungsspiel um den Aufstieg in die A-Klasse in Nussbaum gegen die SV Lauschied mit 2:1, so dass sie zum Zeitpunkt meines selbst gesuchten Exils in der B-Klasse Kreuznach spielten.

SM: Wer trainierte damals die Mannschaft?

KF: Anlässlich des genannten Aufstiegsspiels wurde Becherbach von einem Herrn Wittenberg trainiert, der aus Bruschied kam. Der war beruflich bei der saarländischen Brauerei BECKER-Bier beschäftigt, so dass es plötzlich nur noch diese saarländische Plörre in Schlarbe-Wirtschaft zu trinken gab.

Nach dessen Verabschiedung leitete der Eckhard Reidenbach das Mannschaftstraining, bis 1977 ein ehemaliger Bundeswehrsoldat aus Gelsenkirchen zu uns stieß.

SM: Um wen handelte es sich denn?

KF: Nun, der Familienname des neuen Trainers lautete Rudolph und er wohnte in Weiherbach. An den Spieltagen glänzte er oft mit Abwesenheit, weil er daneben noch Brieftaubenzüchter war und an den Sonntagen mit seinen „Ratten der Lüfte“ unterwegs war. Zumindest brachte er den Spielern Ordnung und Disziplin bei und redete jeden Spieler mit „Sportkamerad“ an.

SM: Gab es weitere Trainer?

KF: Selbstverständlich! Es folgten der Rudolf Frenzel aus Simmertal, der Dieter Wenderoth aus Kirn-Sulzbach und der Manfred Becker aus Idar-Oberstein.

SM: Kurt, du bist vom Thema abgeschweift! Du wolltest mir erzählen, wie Deine Spielerkarriere begann!

KF: Entschuldigung, Sebastian! Also, 1971 hatte ich meinen Wohnsitz nach Becherbach verlegt. Meinen Schwager Manfred Heinisch hatte ich während meiner Ausbildung bei der Verbandsgemeinde Kirn-Land kennengelernt. Da ein akuter Spielermangel in der Reservemannschaft bestand, ist der Herr Schwager einfach hingegangen, und hat seiner Schwester, meiner heutigen Ehefrau, ein Passbild gestohlen, um mir einen Spielerpass anfertigen zu lassen.

SM: Und dann…?

KF: Ich wurde einfach vor vollendete Tatsachen gestellt und musste spielen!

SM: Kannst Du Dich noch an Dein erstes Spiel erinnern?

KF: Selbstverständlich! Es handelte sich um ein Freundschaftsspiel der Reservemannschaft gegen die Mannschaft aus Sien. Da ich drei Tore schoss, brachte mir mein erstes Spiel den Spitznamen „Hattrick-Kurt „ein, den ich von dem Gastwirt Peter Ganns erhielt. Das Spiel wurde mit großer Härte seitens der Siener geführt, insbesondere der Spieler Hohneck legte sich mehrmals mit unserem Volker Porr an. Irgendwann platzte dem Volker der Kragen und er ließ Spiel Spiel sein und veranstaltete einen privaten Rachefeldzug gegen den Hohneck.

SM: Wie darf man das verstehen?

KF: Nun, erst trat der Volker seinem Gegenspieler in den Hintern, so dass der Hohneck es mit der Angst zu tun bekam und in die hinter dem Sportplatz gelegene steile Wiese flüchtete; verfolgt vom Volker Porr!

SM: Wie endete die Geschichte?

KF: Das wurde nie so richtig aufgeklärt! Nach einigen Minuten erschien der Volker wieder, aber der Hohneck wurde nicht mehr gesehen.

SM: Nun hattest Du Dir ja einen Namen geschaffen. Wie ging Deine Karriere weiter?

KF: Mein Trainingsfleiß ließ sehr zu wünschen übrig, sa dass ich nur sporadisch spielte. Unvergessen ist mir mein erstes Punktspiel in Meddersheim gegen Bärweiler. In einem typischen grauen und matschigen Novemberspiel, das hin und her wogte, stand es etwa 15 Minuten vor Schluss 3:3. Wegen einer Verletzung eines Mitspielers wurde ich kurz vor Schluss eingewechselt. Bei Bärweiler stand “ de Hieweler “ im Tor, damals schon eine lebende Legende. Becherbach erhöhte auf 4:3 und sah sich bis zum Ende erbitterten Angriffsbemühungen der Bärweiler ausgesetzt. Kurz vor dem Schlusspfiff hielt ich nach einem Eckball eines Mitspielers mein linkes Bein in die Höhe, um einem Wadenkrampf vorzubeugen und fälschte unabsichtlich den Ball unhaltbar für den gegnerischen Torwart zum umjubelten 5:3 für unsere Mannschaft ab. 

SM: Und dann?

KF: Minutenlang war ich unter einer Spielertraube begraben und war der Held des Tages! So schön kann Fußball sein!!!

SM: Wurden damals schon Spielergehälter gezahlt?

KF: Ich schwöre, dass ich nie einen Pfennig gesehen habe. Aber in anderen Mannschaften ging es so um 1975 langsam damit los.

SM: Beispielsweise bei…?

KF: Nun ich kann mich erinnern, dass die eben erwähnten Bärweilerer eine Rentnergang hatten, die einen Teil ihrer Rente dazu verwandten, einen Spielertrainer nach Bärweiler zu locken.

SM: Wer soll das gewesen sein?

KF: Es handelte sich um einen Herrn Schnorrenberger aus Langenlonsheim, der auf dem Nato-Flugplatz in Bad Sobernheim die Offizierslaufbahn eingeschlagen hatte und damals bereits um die 800,- DM mtl. kassierte.

SM: Welche Summen erhielten die Becherbacher Spieler?

KF: Bei uns war man froh, das Geld zur Anschaffung eines Sackes Kalk zu haben, um den Platz abzuzeichnen! Nee, Spaß bei Seite. In Becherbach erhielten die Trainer so um die 200,00 DM im Monat, die auch nur durch die Zuschüsse des Sportbundes möglich waren.

SM: Und die Spieler?

KF: Keinen Pfennig! Bei Weihnachtsfeiern gab es eine Tüte mit Plätzchen und eine Apfelsine.

SM: Scherzkeks!

KF: Das war wirklich so! Zumindest war die Kameradschaft einzigartig!

SM: Wo hattet ihr euer Vereinslokal?

KF: Als ich nach Becherbach kam, war es Usus, dass nach dem Spiel das Vereinslokal bei Hans und Minna Bach “ Zum Landfrieden “ aufgesucht wurde. Dort saßen die Spieler der ersten und zweiten Mannschaft mit ihren Frauen oder Freundinnen bis zum frühen Montagmorgen. Sehr oft wurde seitens der Wirtsfrau die Frage an uns gerichtet, ob “ die Herren morgen nicht arbeiten müssten „.

SM: Seit wann gab es die Gaststätte Ganns?

KF: Die wurde in dem Jahr eröffnet, als ich geheiratet habe – also 1975.

SM: Gab es damals schon das Clubheim am Sportplatz?

KF: 1938 hat das NS-Regime zur körperlichen Ertüchtigung in Becherbach ein Schwimmbad bauen lassen. Um 1978 haben die Vereinsverantwortlichen das nicht mehr zu sanierende Schwimmbadbecken zugeschüttet, und daneben mit Mitteln des Landessportbundes, des Landes Rheinland-Pfalz und der Gemeinde das heutige Clubheim errichtet. Das Gebäude wurde in Eigenleistung gebaut, wobei sich der Vater vom Karl-Heinz Regitz große Verdienste erwarb. Es handelte sich dabei um den Karl Regitz, der auch später bis zu seinem frühen Tod als Wirt hinter der Theke stand.

SM: Wir sind wieder abgeschweift! Mich würde interessieren, welche Mannschaften damals in der B-Klasse spielten.

KF: Wir spielten, wie bereits erwähnt, in der B-Klasse Kreuznach. In dieser Elite-Liga spielten bspw. Königsau-Kellenbach, Seesbach, Weitersborn, Winterbach, Pferdsfeld-Eckweiler, Monzingen, Martinstein, Schloss-Böckelheim, Waldböckelheim, Hundsbach, Lauschied, Bärweiler, Schweinschied, Breitenheim, Langweiler-Merzweiler, Sien, Hoppstädten, Oberreidenbach, Odenbach, Meddersheim, um ein paar Mannschaften zu nennen. Durch die Auf- und Abstiege variierte das natürlich.

SM: Hat Winterbach tatsächlich in der B-Klasse gespielt?

KF: Selbstverständlich! Das war unsere weiteste Anfahrt, sieht man von Waldböckelheim und Odenbach ab.

SM: Gab es Mannschaften, mit denen ihr nicht zu Recht kamt?

KF: Stets waren die Spiele gegen Hundsbach ein Highlight. Diese Spiele wurden oft mit großer Härte geführt und endeten, neben verbalen Entgleisungen, mit Platzverweisen. Ich erinnere mich an ein Spiel auf dem alten Hundsbacher Waldsportplatz. Es handelte sich dabei um einen Kartoffelacker mit 20 % Gefälle. Bei uns spielte der Eckhard Reidenbach im Tor und bei Hundsbach hütete der Stützel den Kasten. Die beidseitigen Verbalattacken der genannten Spieler gipfelten darin, dass beide vom Schiedsrichter an der Mittellinie die gelbe Karte erhielten. So weit ging damals der Aktionsradius dieser beiden Torhüter!

SM: Wer war Euer Lieblingsgegner?

KF: Das war ohne Zweifel Winterbach! Da stimmte die Wellenlänge. In der alten Gaststätte von Hans und Minna Bach saßen die bis montagsmorgens um 02:00 Uhr, obwohl die meisten ja um 06:00 Uhr aufstehen und zur Arbeit mussten.

SM: Kannst Du Dich noch an einige Schiedsrichter entsinnen?

KF: Zu einem großen Bekanntheitsgrad hatte es in der 60er und 70er Jahren der Paul May aus Hennweiler geschafft, der in Lauschied geboren wurde und nach Hennweiler geheiratet hatte. Mit großer Souveränität leitete er die Spiele von der Mittellinie aus, da er übergewichtig und einer großen Leibesfülle gesegnet war. Falls ein Spieler es wagte, eine seiner Entscheidungen in Frage zu stellen, tänzelte er wie ein Torrero um ihn herum und teilte ihm wild gestikulierend mit: „Hier kocht der Chef, hier kocht der Chef!“ Da er mit Karten schnell bei der Hand war, wagte es niemand, ihm zu widersprechen.

Vielleicht noch eine Anekdote am Rande. Der Paul May arbeitete zu Beginn der 60er Jahre in der Lederwarenfabrik Jakob Müller in Kirn, wo auch Dein Vater Rolf seine Ausbildung zum Starkstromelektriker absolviert hatte. Während einer Mittagspause erzählte der Paul May Deinem Vater, dass Lauschied im 2. Weltkrieg von amerikanischen Bombern angegriffen worden war und dieses etliches Unheil in dem Dorf verursacht hatten. Lauschied ist und war dadurch bekannt, dass dort in Heimarbeit Besen aus Birkenreisern hergestellt wurden, was den Bewohnern den Spitznamen „Die Besebinner“ (hochdeutsch: die Besenbinder) einbrachte. Während dieser Unterhaltung fragte der Paul May Deinen Vater, ob er wisse, warum die Amerikaner Lauschied bombardiert hätten. Der Rolf sagte, dass wisse er nicht, worauf der Paul ihm im Brustton der Überzeugung mitteilte, dass der „Amerikaner“ die Lauschieder Besenindustrie lahmlegen wollte.

SM: Gab es weitere Originale?

KF: Da fällt mir noch der Heinz Keller aus Kirn-Sulzbach ein. Der kam zu den Spielen mit einem großen BMW-Motorrad. Sehr oft wurden wir während des Spieles Zeuge, dass er einen epileptischen Anfall bekam und das Spiel für längere Zeit unterbrochen werden musste. Dann nahm er auf dem Platz seine Medikamente ein, brachte das Spiel zu Ende und fuhr mit seiner BMW wieder nach Kirn-Sulzbach.

SM: Bitte noch einen Gag!

KF: Unvergessen ist auch der Rudolf Bamberger aus Kallenfels. Bei dem habe ich übrigens 1971 meinen Rotkreuz-Kursus abgelegt, den man für den Führerschein benötigt.

SM: Welche Eigenheiten hatte der Her Bamberger?

KF: Er war während des Spieles der väterliche Freund der Spieler, der seine Entscheidungen gerne ausführlich kommentierte. Einmal spielten wir gegen Winterbach zu Hause. Der Michael Heinen von Schmidthachenbach spielte bei uns im Tor. Winterbach erhielt auf halbrechter Position einen Freistoß vor unserem Strafraum zugesprochen, worauf unser Torhüter lauthals seine Abwehr aufforderte, eine „Mauer“ zu bilden. Bevor es jedoch dazu kam, führte der Gegner blitzschnell den Freistoß aus. Schiedsrichter Bamberger zögerte keine Sekunde und pfiff unter lauten Protesten der Winterbacher Spieler und Zuschauer den Freistoß zurück. Auf die Frage eines Winterbacher Stürmers an den Herrn Bamberger, was das denn solle, legte der Schiedsrichter väterlich den Arm um  den jungen Mann, zeigte auf den Becherbacher Torhüter und erklärte ihm die Situation aus seiner Sichtweite: „Dieser Mann“, womit unser Torhüter gemeint war, „möchte eine Mauer! Dieser Mann bekommt eine Mauer!“ Nach dem Abebben eines tosenden Gelächters konnte Michael Heinen seine Mauer stellen, woraufhin die Winterbacher Stürmer ihren Freistoß ausführten, der wie das berühmte „Hornberger Schießen“ ausging.

SM: Jetzt bist du total abgeschweift – du wolltest doch von Deiner Karriere als Krücke, oder sagt man Stütze, der zweiten Mannschaft berichten?

KF: Krücke trifft es eher. Gegen Bärweiler nahm der Spieler Schmell den Gerhard Barth zur Seite und wollte wissen wie ich heiße. Nach dem ihn der Hoppe über meine Personalien informiert hatte, meinte der Bärweiler Spieler, dass ich mit Abstand der schlechteste Spieler sei, gegen den er jemals gespielt habe. Dies erfuhr ich vom Hoppe erst nach dem Spiel. In der zweiten Halbzeit hatte ich für alle 3 Tore gesorgt, die das Spiel letztendlich zu unseren Gunsten entschieden.

SM: Hattest Du jemals Abwanderungsgedanken?

KF: Ja, einmal. Das war das Spiel in Kellenbach, das ich mit einem sehr hohen Restalkoholgehalt bestritt. Unser linker Verteidiger Manfres Maaß hatte sein “ Klappmesser “ ausgefahren, den Ball einem Kellenbacher Rechtsaußen abgeluchst, um mich dann steil auf Linksaußen zu schicken. Obwohl ich den “ Turbo “ einschaltete, war dieser Ball nicht zu erreichen. Unglücklicherweise versagte mein natürliches Gleichgewichtssystem und ich fiel in einer leichten Vertiefung hin, landete auf dem Rücken und kam nicht mehr ohne fremde Hilfe hoch. Nachdem man mich aufgerichtet hatte, schrie mein Mitspieler mich über dreißig Meter an, so einen Ball müsse ich doch kriegen. In meiner Wut über die missliche Situation schrie ich zurück: „Noch ein Wort und ich gehe nach Spanien“!

Zwei Kellenbacher Rentner, die die Gesamtsituation auf ihrer Bank verfolgt hatten, hörten nicht mehr auf zu Lachen.

SM: Hattest Du unter Sportverletzungen zu leiden?

KF: Gegen Breitenheim traf mich ein Ball des Gegners derart heftig am Kopf, dass ich kurzzeitig die Besinnung verlor. Danach nahm ich einen Kopfball vom Karl-Heinz Mensch mit der Brust an und schoss den heruntertropfenden Ball volley aus zwanzig Metern in den Winkel. Leider waren keine “ Scouts “ höherklassiger Vereine bei Reservespielen anwesend.

SM: Blieb es bei dieser Verletzung?

KF: Nein! Ausgerechnet in meinem „Abschiedsspiel“, von dem ich Dir die beiden Mannschaftsfotos von 1984 zur Verfügung gestellt habe, hatte ich mir einen Bänderanriss im Sprunggelenk zugezogen. Ich weiß noch, dass ich drei Wochen Gips getragen habe und dass der Dr. Ott in Kirn beim Entfernen des Gipses beruhigend auf mich einwirkte. Mit einer Mini-Schleifhexe begann er den Gips durchzuschneiden, wobei er mir in den Fußrücken schnitt, so dass ich fast verblutet wäre.

SM: Du Ärmster!

KF: Das kannst Du laut sagen!

SM: Wie war das damals mit der sogenannten Fan-Kultur? Hattet ihr treue Fans?

KF: Auf jeden Fall waren bei den Spielen mehr Zuschauer als heute dabei. Mein größter Fan war meine Ehefrau!

SM: Wie das?

KF: Die hatte ja schnell erkannt, dass ich niemals den Sprung in die erste Mannschaft schaffen würde. Respektlos nannte sie die Spieler der Reservemannschaft “ die Falschspieler „. Mit hatte sie den Spitznamen “ Sack-so-sieht “ gegeben.

SM: Warum denn das?

KF: Na ja, meine Sporthose der Fa. Adidas war hauteng und ich trug keine Unterhose darunter. So konnte es leicht passieren, dass sich bei Spreizschritten des Öfteren die primären Geschlechtsorgane im Leistenbereich einen Weg durch die Hose suchten und zu sehen waren.

SM: OK, Kurt! Ich bedanke mich für dieses erschöpfende Gespräch! Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast! Das war mehr, als ich erwartet hatte.

KF: Ich habe zu danken! Als Rentner im 3. Lehrjahr ist man froh über jede Ablenkung!

SM: ?????????????????????

Kategorien: Chronik

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